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Lettland und Beethoven
16.12.2020


Innige Freundschaft aus Wiener Tagen

Eigentlich sollte am 16. Dezember in der Lettischen Nationalbibliothek die Ausstellung “Bethovens. Orbitas” zum 250. Geburtstag des gebürtigen Bonners eröffnet werden. Doch pandemiebedingt bleiben ihre Tore bis Beendigung des Ausnahmezustands verschlossen. Die Besucher könnten sonst u.a. den Nachweis betrachten, dass ein Freund aus Talsen (Talsi) als erster vom größten Leiden des Komponisten erfuhr.

Die kurländische Dichterin Elisa von der Recke war eine Bekannte Beethovens, hier von Tischbein porträtiert, Foto: Gemeinfrei, Link

Lolita Furmane, Professorin an der Lettischen Musikakademie, erschien die Idee zunächst weit hergeholt, in Lettland eine Ausstellung zu planen, die Ludwig van Beethovens Beziehungen zur baltischen Region darstellt. Doch schließlich wurden ihre Forschungen zur Grundlage dessen, was in “Bethovens. Orbitas” gezeigt wird: Seine Beziehungen zu baltischen Persönlichkeiten, aber auch die tiefe Wirkung, die er auf das Musikland Lettland ausübte und immer noch ausübt.

In der Musikstadt Wien lernte Beethoven einige Mitglieder des deutschbaltischen Adels kennen, unter ihnen befand sich die Dichterin und Sängerin Elisa von der Recke, die viel reiste und viel Korrepondenz mit Schriftstellern, Philosophen und Künstlern pflegte. Dort traf er auch auf Carl Amenda, der sich vom Frühjahr 1798 bis Sommer 1799 in der Hauptstadt der Habsburger aufhielt.  

Amenda hatte das Gymnasium in Mitau (Jelgava) absolviert und in Jena Theologie studiert. Ab 1795 begab er sich auf Reisen durch Europa, um als Violinist Konzerte zu geben. So kam er nach Lausanne, Frankfurt a.M., Konstanz und schließlich nach Wien, wo er die Kinder Constanze Mozarts unterrichtete, in deren Kreisen auch Beethoven verkehrte. Noch in der gemeinsamen Zeit in Wien widmete Beethoven seinem Freund am 25. Juni 1799 die Frühfassung des Streichquartetts F-Dur op. 18 Nr. 1 mit folgenden Worten: „lieber Amenda! nimm dieses Quartett als ein kleines Denckmal unserer Freundschaft, so oft du dir es vorspielst, errinnere dich unserer durchlebten Tage und zugleich, wie innig gut dir war und immer seyn wird dein wahrer und warmer Freund Ludwig van Beethoven.”  

Nach seiner Rückkehr nach Kurland heiratete Amenda 1802 die Schweizerin Jeanette Benoit und wurde im selben Jahr Pastor in Talsen, später Probst und Konsistorialrat. Sein Kontakt zu Beethoven setzte sich als enge Brieffreundschaft fort. Die Ausstellung präsentiert erstmals zwei Briefe der Öffentlichkeit, die Beethoven mit eigener Hand schrieb und die in Riga aufbewahrt werden. In einem von ihnen vertraut er Amenda sein größtes Leiden an: Die beginnende Taubheit.

Beethovens Handschrift sei lesbar, aber kalligraphisch unsauber, meint Furmane. Man bemerke seine pulsierende Nervösität, die sich auch in seiner Musik zeige. Der Komponist hinterließ nicht nicht nur Spuren in baltischen Biographien, auch sein musikalischer Einfluss auf Lettland schätzt Furmane als groß ein, aus der geistigen Kraft Beethovens könne man bis heute schöpfen.  

Sein Lied “Ehre Gottes aus der Natur” wurde auf den ersten lettischen Liederfesten als “Ta debess izteic” gesungen. Wie in anderen Regionen Europas sei in Lettland im 19. Jahrhundert ein Beethoven-Kult entstanden, davon kündet noch eine Hausfassade in der Rigaer Innenstadt, auf der die ersten vier Takte des Liedes notiert sind. “Mir scheint, dass zuweilen die Menschen an solchen Dingen vorübergehen und nicht darüber nachdenken, wie sehr wir von solchen kleinen Geschichten umgeben sind, die atmen und lebendig sind,” meint die Musikwissenschaftlerin.

Neben Briefen mit Beethovens Handschrift werden, wenn Corona will, weitere Artefakte zum Komponisten der Europa-Hymne zu sehen sein: Konzertplakate und -programme, Beethoven-Büsten, Kompositionen und weiteres.

Amenda wird noch heute in Talsi verehrt. Sein Grab, das sich auf einem Hügel befindet, gilt als Sehenswürdigkeit. Seit 2005 veranstaltet die Gemeinde Talsi jährlich das Amenda-Musikfest. Aber die Verehrung der Talsener geht noch weiter: “Wir haben von der evangelisch-lutheranischen Kirche von Talsi ein Porträtrelief von Janis Strupuls aufbewahrt, das Carl Amenda zeigt. Zudem werden wir auch eine großformatige Fotografie zeigen, auf der das Altarbild der Kirche von Talsi festgehalten ist, denn möglicherweise war für den Künstler Carl Amenda der Prototyp für Jesus Christus auf diesem Bild,” meint Kuratorin Anda Boluza.




 
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